Busfahren in Brasilien / São Paulo

Seit langem wollte ich schon über das Thema Öffentlicher Nahverkehr in São Paulo schreiben. Als Einführung ziehe ich mal einen lesenswerten Artikel von der FAZ zu Rate, man muss das Rad ja nicht neu erfinden. Es geht um die Proteste im letzten Jahr, aber in der Einleitung bekommt man eine lautmalerische Beschreibung vom „Problem“ Busfahren und der Qualität des öffentlichen Nahverkehrs:

„Der Bus rauscht heran, die Bremsen quietschen laut, es klingt nicht vertrauenerweckend. Die Tür springt auf, und schon kann die Höllentour losgehen – die Fahrt führt mitten ins Herz von São Paulo. Brasiliens Megacity ist ein Moloch, 19 Millionen Einwohner leben hier – und Busfahren ist ein Abenteuer: Ob der Bus kommt, ist keineswegs sicher, wann er kommt, schon gar nicht. Einmal eingestiegen und freie Straßen vorausgesetzt, werden die Passagiere ohne Unterlass kräftig durchgeschüttelt: Jedes Schlagloch ist zu spüren, und davon gibt es in São Paulo viele. Meistens allerdings sind die Straßen vollgestopft mit Autos und Bussen, die Stadt hält einen unrühmlichen Rekord: Staus können hier auch schon mal eine Länge von mehr als hundert Kilometern erreichen – im Jahr 2012 waren es sagenhafte 295 Kilometer.“

In folgendem Video stellen ein paar brasilianische Kids gut dar, wie es in einem brasilianischen Bus im Normalfall zugeht:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=Bm2KXmnt02c]

Das zum „Erlebnis Busfahren“ im Allgemeinen.

Jetzt noch ein paar Praxistipps meinerseits am Beispiel São Paulo (die Bussysteme werden in anderen Städten nach dem gleichen Prinzip funktionieren). Wer weiß, vielleicht verirrt sich doch noch jemand zur Weltmeisterschaft hierher und stolpert über diesen Post 😉

Tipp 1: Bilhete Unico

Das Bilhete Unico ist eine Art Prepaid Karte für Bus, Bahn und Metro. Der Vorteil: es gibt die sogenannte „Integração“ zwischen Bus und U-bahn und man erhält dadurch einen Rabatt. Einzeln würde eine Busfahrt R$ 3,00 kosten, eine Metro-Fahrt weitere R$ 3,00. Mit dem Bilhete Unico kostet die gesamte Fahrt nur R$ 4,50, innerhalb von 3 Stunden. Das System erkennt, dass man zuvor Bus oder Ubahn gefahren ist und berechnet beim Umsteigen in das andere Verkehrsmittel nur den geringeren Preis von R$ 1,50 anstatt der vollen R$ 3,00.

Ein weiterer Vorteil ist, dass man kostenlos zwischen den Bussen umsteigen kann (bis zu 3x innerhalb von 3 Stunden). Wie bitte, warum braucht man dafür ein Bilhete Unico mag sich manch einer an dieser Stelle fragen. Um das zu erklären, muss ich kurz ausschweifen wie eine Busfahrt funktioniert. In Brasilien steigt man stets vorne ein und muss dann erst einmal an diesem jungen Mann (oder Frau) vorbei:

Cobrador

Brasilianer sagen, ohne das Drehkreuz (Catraca genannt) würde niemand ein Ticket bezahlen (In die Ubahnstation kommt man übrigens auch nur durch die Catraca hinein, aber das ist ja bekannt aus anderen ausländischen Städten). Das heißt, entweder bezahlt man in Bar oder benutzt das Bilhete Unico. Zahlt man in Bar – das geht nur bei dem Jungen an der Theke (Cobrador genannt) – bekommt man keinen Fahrschein wie in Deutschland. Will man umsteigen, muss man also erneut bezahlen weil man keinen Nachweis hat, dass man schon bezahlt hat. Also: Bilhete Unico mitnehmen!

Das Bilhete Unico kann man in den meisten Metro-Stationen erwerben. Da wir aber von Brasilien reden, sollte eure erste Tat dem Erwerb dieses Tickets gelten. Es kann schonmal sein, dass in der Ubahnstation wo ihr gerade seid die Bilhete Unico ausverkauft sind oder „das System kaputt ist“, sodass man es nicht kaufen / aufladen kann. Habt ihr Erfolg, zahlt ihr R$ 15,00 für das Bilhete und habt die R$ 15,00 gleich als Saldo auf der Karte.

Kleiner zusätzlicher Hinweis für den interessierten Leser: auf Grund dieses Systems scheinen die Busse mindestens genauso viel Zeit an den Haltestellen zu verbringen wie auf der Straße bzw. im Stau. Außerdem erzeugen sie selber dadurch Stau, denn es dauert eine ganze Weile bis sich alle durch das Drehkreuz gequetscht haben bzw. zumindest so viele, dass alle Einsteigenden in den vorderen Teil des Busses passen und er abfahren kann.

Ein schwieriges Thema, aber ich glaube São Paulo würde gut daran tun den ÖPNV kostenlos zu machen (ggf. über Mautgebühren oder irgendeine neue Zusatzsteuer finanziert. Spezialsteuern sind doch sowieso brasilianisches Fachgebiet…) und dass so das Verkehrschaos gelindert werden könnte. Das war auch die Forderung der Gruppe die ursprünglich hinter den Protesten im Juni steckte, das Movimento Passe Livre.

Ein anderer Grund gegen das Drehkreuzsystem ist dass man hinten aussteigen muss und sich erst einmal durch die Menschenmassen quetschen muss, die bereits zahlreiche Stationen vor ihrem Halt im Gang bzw. vor der Tür warten (die Busse sind meistens auch stark überfüllt)…Damit kommen wir auch direkt zu Tipp 2.

Tipp 2 – Ob du wirklich richtig stehst, siehst du wenn die Tür aufgeht

São Paulo ist modern und innovativ. So sehr, dass die Busse nicht nur Türen auf der rechten Seite haben, sondern auch auf der linken! Je nach Modell können sich diese Türen ganz hinten, in der Mitte oder relativ weit vorne befinden – Machen Sie sich vor Fahrtantritt bitte mit den Notausgängen vertraut.

Das ermöglicht den Bussen links- und rechtsseitige Haltestellen anzusteuern. In kleinen Straßen ist der Ausgang immer rechts. Auf Hauptstraßen können sich die Haltestellen aber auch links befinden, auf Verkehrsinseln in der Mitte der Avenida etc. Auf welcher Seite sich der Ausgang beim angesteuerten Halt befinden wird, weiß man nur aus Erfahrung. Seid ihr das erste Mal hier unterwegs gibt es zwei Optionen:

a) ihr sprecht Portugiesisch und fragt den Cobrador auf welcher Seite sich der Ausstieg eures Halts befindet (auf den gr0ßen Avenidas haben die Haltestellen Namen und ansonsten hilft Beschreibung eures Ziels).

b) wenn ihr kein Portugiesisch sprecht hilft nur sich möglichst strategisch zwischen den beiden Türen zu positionieren und scharf zu beobachten auf welcher Seite sich die Haltestelle nähert, um dann zur richtigen Tür zu hechten und aus dem Bus zu springen 😉 Eventuell hilft auch eine Recherche bei Google Streetview weiter 😉 Womit wir wieder beim nächsten Thema wären

Tipp 3 – Navigation = Google ist dein größter Helfer

An den Bushaltestellen (nächstes Kapitel) hängen NIE Busfahrpläne! Darauf ist Verlass. Mittlerweile hängen dort hin und wieder zumindest Listen welche Buslinien dort vorbeifahren. Aber niemals beinhalten diese Listen eine Beschreibung der Route geschweige denn eine Karte…

Zum Glück ist Google in den brasilianischen Großstädten weiter als in Deutschland und gibt recht verlässlich Auskunft über die Verbindungen.  Schwierig ist es dann nur noch an der richtigen Haltestelle umzusteigen, da es in den Bussen keine Anzeige oder Ansage gibt, welche die nächste Haltestelle ist. Aber dank moderner Technik kann man ja das Smartphone fragen wo man sich gerade befindet – vorausgesetzt man hat eine Datenverbindung oder eine App mit offline Karten. Achtung, Smartphone trotzdem nicht allzu offensichtlich die ganze Zeit rumzeigen – der Sicherheit wegen…

„Manuell“, wenn man sich bereits ein wenig auskennt, kann man am Bus ablesen wo er lang fährt. Die Busse haben eine kleine Tafel auf der die wichtigsten Straßennamen auf der Route zu ihrer Beschreibung aufgelistet sind.

Und noch ein Tipp: Es gibt Busse von SPTrans und EMTU. Die SPTrans sind São Paulos Stadtbusse, EMTU sind interurbane Busse, die verschiedene Städte innerhalb des Bundesstaates São Paulo verbinden aber noch mehr oder weniger im Nahverkehr, d.h. mit mehreren Haltestellen innerhalb der Städte. (Nicht-Nachbar-Städte erreicht man mit Reisebussen, die von einer Rodoviaria -eine Art HBF für Busse – zur anderen fahren. Dieses Busnetz wiederum ist gut ausgebaut und komfortabel!)

Die SPTrans Busse könnt ihr mit dem Bilhete Unico nutzen, EMTU Busse nicht.

Tipp 4 – Bushaltestellenkunde

Entscheidet man sich für das Abenteuer Busfahren, ist der erste Schritt zum Erfolg die Identifikation einer Haltestelle. Eine Entwarnung direkt am Anfang: in São Paulo ist das heutzutage garnicht mehr so schwierig, da anscheinend zur WM die meisten Haltestellenmarkierungen ausgetauscht wurden und nun klar zu erkennen sind. Es gibt zwei Modelle:

Große Haltestelle mit Dach:

Neue Bushaltestelle groß

Kleine Haltestelle mit einem Pfeiler:

Neue Bushaltestelle klein

Warum ich das Thema anscheide? Deswegen:

Alte Bushaltestelle

So sehen die alten Haltestellenmarkierungen aus. Ein Holzpfahl ohne jegliche Kennzeichnung. Wer das weiß ist klar im Vorteil. Wer nicht, wird höchstwahrscheinlich dran vorbei laufen, vor allem wenn es sich hinter einem viel größeren Betonpfeiler versteckt:

Alte Bushaltestelle hinter Betonpfeiler

Also, viel Erfolg beim Busfahren!

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07. Mai 2014 von Chris
Kategorien: Reiseführer, Sao Paulo | Schlagwörter: , , , , , | 1 Kommentar